«Kunst und Care – Vereinbarkeit von Beruf und Familie»
Workshop mit Kunstschaffenden, 6. November 2025 in Bern
Im Workshop Kunst und Care – Vereinbarkeit von Beruf und Familie 2025 in Bern diskutierten über 30 Kunstschaffende die Frage, was geschehen muss, damit Künstler:innen eine Familie gründen können, ohne ihre Karriere zu gefährden.
Das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dringlich. Elternschaft* soll im institutionellen Umfeld nicht als Hürde, sondern als Selbstverständlichkeit verstanden werden.
Ein zentrales Problem sind fehlende oder ungenügende Honorare. Die Leitlinie – Honorare für Künstler:innen und Kurator:innen von Visarte ist für öffentliche Kunstinstitutionen noch eine Herausforderung. Es braucht hier ein Umdenken, denn unzureichende Honorare tragen wesentlich zur prekären Situation vieler Kunstschaffender bei, und die Gründung einer Familie verschärft diese Problematik zusätzlich.
Förderprogramme berücksichtigen die Lebensrealität von Kunstschaffenden mit Familie oft zu wenig. Anforderungen rund um die Familienorganisation werden gerne ausgeblendet. Dadurch wird der Zugang zur Förderung erschwert oder gar verunmöglicht und führt zu Karriere-Knicks oder zu Karriere-Abbrüchen. Preise und Fördermittel sind aber elementare Bestandteile im CV visueller Kunstschaffender.
In der Lebensphase einer Familiengründung und der Betreuung von Kindern schränken Kunstschaffende oft ihre künstlerische Arbeit ein. Es entstehen Lücken im CV, da weniger künstlerische Aktivitäten möglich sind. Förderinstitutionen werteten diese Lücken bisher als mangelnde Professionalität, und erschwerten so den Zugang zur Förderung beim Wiedereinstieg zusätzlich. Mehr Sichtbarkeit und Thematisierung von Elternschaft sollen deren Akzeptanz in der Kunstwelt verstärken und mehr Verständnis schaffen.
Dafür braucht es eine Willkommenskultur gegenüber Kunstschaffenden mit Kindern. Institutionen sollen in Bewerbungsphasen aktiv die spezifischen Bedürfnisse bei Kunstschaffenden abfragen. Dies fördert eine offene und transparente Kommunikation auf beiden Seiten.
Sowohl die Kinder als auch die Kunstarbeit brauchen Raum und Zeit. Ohne eine durchdachte Kinderbetreuung kommen Kinder und Kunstarbeit zu kurz und die Teilnahme an Residenzprogrammen wird zur grossen Herausforderung. Residenzformate für Künstler:innen mit Kindern berücksichtigen diese spezifischen Bedürfnisse.
Wortmeldungen während des Workshops haben gezeigt, dass das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine hohe Dringlichkeit hat und dass Handlungsbedarf besteht bei der entsprechenden Sensibilisierung in der Kulturpolitik, bei Kunstinstitutionen und Förderstellen.
Ein Schwerpunkt der Diskussion lag bei der Implementierung neuer Förderformate, die prozessorientierter und langfristiger angelegt sein sollen. Es braucht ein gesellschaftliches, institutionelles und behördliches Bewusstsein und Interesse um Kunstschaffende mit Familie systemisch zu denken.
Inputreferate
Tobias Kaspar beschäftigte sich mit der Frage, wie der Kunstbetrieb elternfreundlicher werden kann, ohne dass die eigene Karriere auf dem Spiel steht. Im Hintergrund projizierte er als Kontrast zur Forderung Instagram-Stories, die er während eines Jahres in Form eines Tagebuchs veröffentlicht hatte.
Kollektiv FLÜGELMUETERE (Mirjam Steffen und Laura Küng) thematisierten in einer Lesung mit Videoprojektion ihre persönlichen Erfahrungen als Mutter* mit Kind in Residencies in der Schweiz und in Brasilien.
Vanessa Safavi beschäftigte sich in ihrem Input mit der transformativen Kraft von Mutter*schaft und wie sich diese in künstlerische Arbeiten übersetzt. Mutter*schaft als fluide, ambivalente, vielschichtige Ressource, die neue Ausdrucksformen braucht.
Latefa Wiersch sprach über ihre Einzelausstellung im Dortmunder Kunstverein, in der sie ihre eigene Kindheit in der Siedlung Hannibal in Dorstfeld thematisierte. Sie sprach von der Bedeutung einer intersektionalen Perspektive auf das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Eltern*schaft könne nicht isoliert betrachtet, sondern müsse unbedingt mit anderen Diskriminierungsformen zusammen gedacht werden.
* Begriffserklärung: Mit „Mutter“ und „Eltern“ sind alle Menschen mit gemeint, die für Kinder sorgen.