Von Philippe Sablonier

 

Abstract

Visarte Schweiz führte 2018 unter seinen Mitgliedern eine schriftliche Befragung zum Thema «Kunst und Kind» durch. Zusammenfassend zeigt die Auswertung, dass Künstlerinnen und Künstler:

  • mit vielen gesellschaftlichen, behördlichen und organisatorischen Hürden zu kämpfen haben, wenn sie Beruf und Familie vereinbaren möchten;
  • aus finanziellen Überlegungen oder wegen ihrer Karriere tendenziell auf die Familiengründung verzichten;
  • an der Dreifachherausforderung Broterwerb, Kunstberuf und Familie scheitern, ihren Kunstberuf auszuüben;
  • der Zugang mit Familie zum Förderwesen und zu Atelieraufenthalten im In- und Ausland tendenziell erschwert ist.

 

Im Themenfeld «Kunst und Kind» beeinflussen sich gegenseitig gesellschaftliche, politische und private Faktoren. Das Resultat der Umfrage legt unmissverständlich offen, dass es an gesellschaftlichem, institutionellem und behördlichem Bewusstsein und Interesse mangelt, «Kunst und Kind» systemisch zu denken. Es ist ein Tabuthema unter Kunstschaffenden genauso wie im Ausstellungsbetrieb und im öffentlichen und privaten Förderwesen. Entscheidungstragende sehen Kunstschaffende als solitär Arbeitende ohne Familie. Entsprechend fehlt es an Verständnis und Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler mit Kind. Einige der Befragten berichten von offener Diskriminierung als Familie. Dies hat Folgen auf die Karriere und damit indirekt auf die finanzielle und soziale Sicherheit. Stützend auf die Auswertung zeigt sich folgender Handlungsbedarf:

  • Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit;
  • Vernetzung und Erfahrungsaustausch;
  • Informationsangebote und Beratung;
  • strategische und finanzielle Unterstützung;
  • institutionelle, politische und soziale Vorstösse.

 

Auswertung

Rücklauf
Aufbauend auf dem Rücklauf einer ersten Vorbefragung zum Thema «Kunst und Kind» unter den Mitgliedern der Gruppenkonferenz im vierten Quartal 2017 wurde im ersten Quartal 2018 eine erweiterte grosse Befragung unter allen aktiven Mitgliedern mittels eines Fragebogens durchgeführt. Der Rücklauf betrug etwas mehr als 6%; knapp 200 Fragebogen konnten ausgewertet werden. Zusätzlich zu den regulären Multiple-Choice-Antworten gingen 275 ergänzende Kommentare ein – in Form von Fragen, Bemerkungen, Anregungen und Anliegen. Diese wurden ebenfalls ausgewertet und sind massgeblich eingeflossen in Vorschläge für Massnahmen zur Verbesserung der Situation. Diese Vorschläge sind nicht Gegenstand des Kurzberichts.

Akzeptanz des Themas
Sowohl aus den Antworten des Multiple-Choice-Verfahrens als auch aus den Kommentaren geht deutlich der Wunsch der Mitglieder hervor, dass sich Visarte des Themenfelds «Kunst und Kind» annehmen sollte. 94% der Antwortenden finden es sehr wichtig oder wichtig, dass sich Visarte darum kümmert. Nur vereinzelte Antwortende stehen dem Thema ablehnend gegenüber. Das lässt die Interpretation zu, dass vornehmlich jene Personen den Fragebogen retourniert haben, die am Thema interessiert sind. An der Befragung kritisiert wurde, dass sie kinderlose Kunstschaffende zu wenig angesprochen habe. Dies hatte einen Effekt auf den Rücklauf.

Betroffenheit
Vier Fünftel der Antwortenden gaben an, persönlich vom Thema «Kunst und Kind» betroffen zu sein, drei Fünftel haben Kinder oder sind mit deren Betreuung beauftragt. Die Hälfte der Befragten verzichtet teilweise auf die Ausübung des Kunstberufs, weil sich Beruf und Familie nicht vereinbaren lassen. Ebenso viele der Antwortenden verzichten wegen ungelöster Betreuungs- und Familienaufgaben auf Atelieraufenthalte und Förderstipendien.

Atelieraufenthalte und Förderwesen
Von jenen Befragten, die Angaben zu Atelieraufenthalten machten, berichtet ein Drittel, dass die Mitnahme und der Aufenthalt von Kindern erlaubt oder gar gefördert wurden. Bei zwei Dritteln war der Aufenthalt mit Kindern erschwert, unerwünscht oder generell nicht erlaubt. Die Begleitung von Partnerinnen und Partnern war bei einem Viertel der Vergaben erlaubt, gefördert dagegen wurde sie nur bei jedem zwanzigsten Aufenthalt. Die Hälfte der Antwortenden gab an, dass der Aufenthalt von Partnerin oder Partner erschwert, unerwünscht oder nicht erlaubt war.

Als Stolpersteine bei Atelieraufenthalten werden fehlende Deckung zusätzlicher Kosten für Kinder für Reise und Wohnen, fehlende Kinderbetreuung und unangemessene Wohnsituation für Kinder genannt. Einem Fünftel machten die Schulbehörden zu schaffen, ebenso vielen die Präsenzplicht am Stipendienort. Viele geben an, sich der vielen finanziellen und organisatorischen Hürden wegen erst gar nicht zu bewerben. Einige berichten von aktiver Diskriminierung, als sie bekannt gaben, von Partner und Kinder begleitet zu werden. Mit behinderten oder kranken Kindern sehen sich Bewerberinnen und Bewerber gänzlich auf verlorenem Posten. Doppelbewerbungen von Künstlerpaaren mit Kindern sind im Fördersystem nicht vorgesehen.

Es besteht rundum Informationsbedarf zu allen Aspekten von Atelier- und Förderaufenthalten im In- und Ausland, insbesondere zu Partner- und Familiennachzug, Kinderbetreuung, Schulpflicht und weiteren Lebensbereichen wie Krankenkasse, Versicherungen, Untervermietung usw.

Kunstbetrieb
Die Befragung zeigt auf, dass deutlicher Informationsbedarf besteht zur familienfreundlichen Förderung sowohl in der Schweiz als auch im Ausland, zu Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler mit Kindern und zu auf rechtlichen Fragen. Fast jede zweite Person würde sich gerne mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, die Kinder haben, vernetzen und begrüsste eine entsprechende Plattform hierzu.

Familie
Informationsbedarf in Bezug auf die Familie besteht vor allem zur Neuregelung der Betreuungsunterhalte (Ausgleichszahlungen), zur Optimierung von Einkommens-, Vermögens- und anderen Steuern, zu Kinderzulagen, zu finanziellen und rechtlichen Vor- und Nachteilen von Konkubinat und Heirat im Zusammenleben mit Kindern, zum Anrecht und zu Subventionen für Kinderbetreuung (Krippe, Hort, Tagesfamilie) und zu Kinderbetreuungsangeboten und die damit verbundenen Kosten (Krippe, Hort, Tagesfamilie, Mittagstisch, Nachbarschaftshilfe) sowie zur Berechnung des Haushaltsbudgets für einen Haushalt mit Kindern. Besonders zu berücksichtigen gewünscht wird auch die rechtliche und finanzielle Unterstützung von Alleinerziehenden.

Ausbildung
Informationen zur finanziellen Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler mit Kindern während der Ausbildung wünschen zwei Fünftel der Befragten. Ein Fünftel wünscht entsprechende Informationen zu Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Beratungsangebote
Bei den Informations- und Sensibilisierungsprogrammen schwingt der Wunsch nach Informationen auf der Webseite von Visarte Schweiz oben aus. Über zwei Drittel möchten entsprechende Hilfe auf der Webseite, drei Fünftel begrüssen politische und gesellschaftliche Vorstösse, zwei von fünf Befragten möchten persönliche Beratung und ein Drittel wünscht Informationsveranstaltungen mit Vorträgen und Workshops. Bei den Beratungsangeboten sind rechtliche Beratung, Hilfe bei der Gesuchstellung und Argumentieren vor Behörden gefragt.